Musik bei Neurosen – Mechanismen, Anwendung und Verifikation – Teil II

Music in Neuroses Mechanisms, Applications, and Verification Pt II

Teil II: Evidenz-Update seit Oktober 2025 (anschließend an Teil I)

Dieser Text knüpft an die in Teil I dargestellte konzeptuelle und methodische Ausgangslage an und wertet begutachtete Publikationen aus, die nach Oktober 2025 erschienen sind. Im Fokus steht, wie nachfolgende Studien frühere Beobachtungen zur klinischen Anwendung, Integration und physiologischen Messung von Musiktherapie bei neurotischen Störungen erweitern, präzisieren oder begrenzen. Die Darstellung bleibt beschreibend und vergleichend und verzichtet bewusst auf die erneute Bezugnahme auf theoretische oder methodische Autoritäten aus der Zeit vor Oktober 2025.

1) Klinischer Vergleich: MELODY-Studie (Februar 2026)

Die MELODY-Studie¹ ist eine groß angelegte randomisierte kontrollierte Untersuchung, die im Februar 2026 im Journal of Clinical Oncology veröffentlicht wurde.

Verglichen wurden Musiktherapie und kognitive Verhaltenstherapie, die telemedizinisch an Krebsüberlebende mit klinisch relevanter Angst vermittelt wurden.

1.1 Studiendesign

300 erwachsene Krebsüberlebende wurden randomisiert entweder einer Musiktherapiegruppe (n=147) oder einer kognitiven Verhaltenstherapiegruppe (n=153) zugeteilt. Beide Interventionen umfassten sieben wöchentliche Sitzungen mit Nachuntersuchungen bis Woche 26.

Musiktherapie:

  • Geführtes Musikhören mit progressiver Muskelentspannung
  • Gemeinsames Songwriting

Kognitive Verhaltenstherapie:

  • Psychoedukation
  • Kognitive Umstrukturierung
  • Sorgenexposition
  • Rückfallprävention

Primärer Endpunkt war die Veränderung der HADS-A nach acht Wochen.

1.2 Ergebnisse und Einordnung

Die Angstwerte verbesserten sich in beiden Gruppen in vergleichbarem Ausmaß; die Musiktherapie lag innerhalb der vorab definierten Nichtunterlegenheitsgrenze.

2) Integration kognitiv-verhaltenstherapeutischer Prinzipien in der Musiktherapie (Dezember 2025)

Eine im Dezember 2025 in Frontiers in Psychiatry veröffentlichte Studie² untersuchte, wie mit der kognitiven Verhaltenstherapie assoziierte Prinzipien innerhalb musiktherapeutischer Praxis umgesetzt werden können, ohne die spezifischen Merkmale musikalischer Interaktion zu verlieren.

2.1 Konzeptionelle Ausrichtung

Der vorgeschlagene Ansatz betont die Identifikation zentraler therapeutischer Prinzipien sowie die flexible Anpassung ihrer Form, Abfolge oder ihres Mediums. Statt Behandlungsmodelle zusammenzuführen, liegt der Fokus auf der Übertragung von Prinzipien in musikbasierte Methoden.

2.2 Anwendung über verschiedene musiktherapeutische Methoden hinweg

Rezeptive Methoden:

  • Geführtes Musikhören zur Unterstützung von Entspannung und Körperwahrnehmung
  • Reflexion nach dem Hören zur Identifikation und Neubewertung automatischer Gedanken
  • Nutzung von Musik als kontextueller Anker bei exponierenden Imaginationsübungen

Rekreative Methoden:

  • Singen vorgegebener Lieder mit angepasstem Textinhalt
  • Geplante musikalische Aktivität als Form der Verhaltensaktivierung

Improvisatorische Methoden:

  • Musikalischer Dialog zur Förderung von Emotionsausdruck und -regulation
  • Erproben neuer musikalischer Muster als Verhaltensexperimente

Kompositorische Methoden:

  • Gemeinsames Songwriting zur Externalisierung und Umstrukturierung dysfunktionaler Kognitionen
  • Lieder als abrufbare Repräsentationen neu formulierter Perspektiven

2.3 Anforderungen an Ausbildung und Training

Der Ansatz unterstreicht die Notwendigkeit, dass Behandelnde sowohl mit musiktherapeutischen Techniken als auch mit kognitiv-verhaltenstherapeutischen Prinzipien vertraut sind. Ohne interdisziplinäre Ausbildung besteht die Gefahr, dass Integration lediglich oberflächlich bleibt.

3) Herzratenvariabilität in der musiktherapeutischen Forschung (November 2025)

Die Herzratenvariabilität wird in der musiktherapeutischen Forschung als physiologischer Outcome-Parameter diskutiert. Eine im November 2025 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit³ bewertet ihren Einsatz sowie die damit verbundenen methodischen Einschränkungen.

3.1 Umfang der Übersicht

Analysiert wurden 28 Studien, die vagal vermittelte Herzratenvariabilität während musiktherapeutischer Interventionen berichteten, darunter rezeptives Hören, aktives Musizieren und multimodale Protokolle. Die Ergebnisse wurden mittels narrativer Synthese und Effekt-Richtungs-Diagrammen zusammengeführt.

3.2 Beobachtete Muster

In vielen Studien zeigte sich während oder unmittelbar nach musiktherapeutischen Sitzungen ein Anstieg der vagal vermittelten Herzratenvariabilität. Höhere HRV-Werte gingen häufig mit reduzierter Angst oder verbesserter Stimmung einher, wobei die Heterogenität der Studien einen direkten Vergleich erschwerte.

3.3 Methodische Einschränkungen

Die Übersicht fasst methodische Merkmale zusammen, die mit besser interpretierbaren Ergebnissen assoziiert waren, darunter standardisierte Aufzeichnungsdauern, ausreichende Abtastraten, transparente Artefaktkorrektur und eine explizite Beschreibung der Vorverarbeitung. Bei aktivem Musizieren wurden atem- und bewegungsbedingte Störfaktoren hervorgehoben.

Eine unzureichende methodische Transparenz war unabhängig vom Interventionsinhalt mit einer eingeschränkten Interpretierbarkeit der HRV-Ergebnisse verbunden.

4) Zusammenführung

Die nach Oktober 2025 veröffentlichten Arbeiten liefern vergleichende klinische Daten, integrationsorientierte konzeptionelle Ansätze sowie fokussierte methodische Analysen zur Musiktherapie bei neurotischen Störungen.

Vergleichende Studiendaten deuten darauf hin, dass strukturierte musiktherapeutische Interventionen in bestimmten klinischen Kontexten Angst-Outcomes innerhalb vorab definierter Nichtunterlegenheitsgrenzen im Vergleich zur kognitiven Verhaltenstherapie erzielen können. Integrationsansätze beschreiben, wie therapeutische Prinzipien innerhalb musikbasierter Methoden umgesetzt werden können, ohne disziplinäre Grenzen aufzulösen. Methodische Übersichten klären die Bedingungen, unter denen physiologische Maße wie die Herzratenvariabilität interpretierbar sind.

In der Abfolge gelesen, liefert Teil I den analytischen Ausgangsrahmen, während das vorliegende Update dokumentiert, wie sich die Evidenzbasis im Zeitraum nach Oktober 2025 verändert oder konsolidiert hat.

5) Schlussfolgerung

Die seit Oktober 2025 publizierten Befunde tragen zu einer stärker formalisierten Forschungslandschaft der Musiktherapie bei neurotischen Störungen bei. Vergleichende Studien, prinzipienbasierte Integrationsansätze und methodische Analysen liefern klinisch wie forschungsbezogen relevante Orientierung, ohne sich auf frühere theoretische Konsensrahmen zu stützen.

Literatur

¹Liou, K. T., McConnell, K. M., Currier, M. B., et al. (2026). Music therapy versus cognitive behavioral therapy via telehealth for anxiety in survivors of cancer: A randomized clinical trial. Journal of Clinical Oncology, 44(5), 375–385. https://doi.org/10.1200/JCO-25-00726

²Head, J. H., & Vasquez, N. N. (2025). Integrating cognitive behavioral therapy into music therapy methods using a flexibility within fidelity framework. Frontiers in Psychiatry, 16, 1734508. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2025.1734508

³Flater, B., Schneider, B. L., Fachner, J., Sonke, J., & Quintana, D. S. (2025). Music therapy and vagally mediated heart rate variability: A systematic review and narrative synthesis. International Journal of Psychophysiology, 113288. https://doi.org/10.1016/j.ijpsycho.2025.113288